Der Liberalismus im 21. Jahrhundert – ein Orientierungsverlust

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Ein leiser Triumph mit fehlendem Kompass: Der Liberalismus hat die ideellen Grundlagen der modernen Demokratien gelegt – und doch wirkt er im 21. Jahrhundert zunehmend orientierungslos. Während neue Ideologien lautstark um die Deutungshoheit ringen, scheint der liberale Geist oft erstaunlich leise geworden zu sein. Liberale Werte werden vielerorts entweder als selbstverständlich vorausgesetzt oder als überholt abgetan. Doch gerade in einer Zeit wachsender globaler Komplexität, rasanter technologischer Umwälzungen und politischer Polarisierung wäre ein selbstbewusster Liberalismus wichtiger denn je. Statt als Kompass in der Krise wahrgenommen zu werden, präsentiert sich der Liberalismus derzeit jedoch eher zersplittert und defensiv.

Fragmentierung und Schwäche liberaler Ideen

Ein zentrales Problem ist die gegenwärtige Fragmentierung liberaler Ideen. Es existieren zahlreiche Spielarten – vom wirtschaftsliberalen über den sozialliberalen bis zum linksliberalen oder ökologischen Liberalismus –, aber ein gemeinsamer Kern tritt kaum erkennbar hervor. Diese Zersplitterung führt dazu, dass der Liberalismus in der öffentlichen Debatte nicht mehr als geschlossenes Weltbild erscheint, sondern als vage Mitte zwischen lauten Extremen. In den 1990er-Jahren schien es noch, als habe der Liberalismus nach dem Ende des Kalten Krieges einen beinahe unumstrittenen Siegeszug angetreten (ein „Fukuyama-Moment“ des vermeintlichen Endes der Geschichte). Doch dieser Moment ist vorüber – der jahrzehntelange Konsens über die Überlegenheit liberaler Demokratien ist ins Wanken geraten.

Heute macht sich in liberalen Kreisen teilweise Ratlosigkeit und Ernüchterung breit. Einst als fortschrittlich geltende liberale Ideen wirken „müde“ und „gespielt“ – ihnen fehlt es an frischem Enthusiasmus und gesellschaftlicher Zugkraft. Viele Anhänger der Freiheit sind geradezu gloomy, wie ein Beobachter es formulierte: Klassische Liberale registrieren mit Sorge, dass der ehemals tragfähige Konsens zwischen gemäßigten Linken und Rechten zerbrochen ist und populistische Kräfte an Boden gewinnen. Zwar verfügen liberale Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit oder individuelle Rechte weiterhin über institutionelle Stärke, doch liberalen Ideen fehlt es an Ausstrahlung. Unter Intellektuellen gilt es mitunter nicht mehr als „cool“, sich offen zum Liberalismus zu bekennen. Die einst stolze Erfolgsgeschichte liberalen Denkens droht so in einen Zustand stiller Selbstverständlichkeit oder selbstzweifelnder Schwäche abzudriften.

Diese innere Schwäche zeigt sich auch darin, dass Liberale häufig auf Verteidigung statt auf Vision setzen. Allzu oft wirkt der Liberalismus heute wie ein reagierendes Reflexbündel anstatt eines aktiv gestaltenden Prinzips. Statt mutig eine eigene Erzählung für das 21. Jahrhundert zu formulieren, klammern sich viele Liberale an ein „Weiter so“ – in der Hoffnung, mit Vernunft und Anstand gegen die schrillen Töne der Gegner zu bestehen. Doch allein „nicer, smarter, more reasonable“ zu sein, wie Kritiker spotten, reicht nicht. Wo Liberalismus bloß noch als blasse Verwaltungsroutine oder technokratische Politik erscheint, schwindet seine geistige Anziehungskraft. Seine großen Versprechen – Freiheit, Fortschritt, Menschenwürde – drohen in den Hintergrund zu treten, wenn keine überzeugende Erneuerung erfolgt.

Politischer und gesellschaftlicher Gegenwind von links und rechts

Gleichzeitig gerät der Liberalismus von außen unter Druck: Politisch und kulturell formiert sich Gegenwind von beiden Seiten des Spektrums, der die liberalen Grundprinzipien herausfordert. Von rechts attackieren nationalistische und autoritär-populistische Bewegungen die liberale Ordnung frontal. Sie stilisieren individuelle Freiheit und Minderheitenrechte als Bedrohung für Einheit und Ordnung und propagieren stattdessen ein illiberales Demokratieverständnis. Rechtspopulisten mobilisieren mit emotionalen Erzählungen über „verlorene Souveränität“ und „kulturellen Niedergang“ ein tiefes Ressentiment gegen das liberale Establishment. In dieser Erzählung werden liberale Werte wie Toleranz, Pluralismus oder internationale Kooperation als naiv oder dekadent verächtlich gemacht. Die Schlüsselelemente der liberalen Demokratie – Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Medienfreiheit, Minderheitenschutz – werden offen in Frage gestellt. So hat etwa in Ungarn ein Regierungschef unverblümt eine „illiberale Demokratie“ zum Ziel erklärt, und weltweit berufen sich autoritäre Politiker auf „Volkswille“ gegen rechtsstaatliche Schranken. Die Folgen sind sichtbar: In manchen Ländern wurden Gerichte, Medien und Parlamente geschwächt – all jene Institutionen, die liberale Freiheit sichern sollen, erleiden gezielte Erosionsangriffe. Der rechte Identitarismus bietet einfache Feindbilder und Sündenböcke – ob Migranten, „kulturfremde“ Kräfte oder vermeintliche liberale Eliten –, um vom eigenen Machtausbau abzulenken. So wird ein Klima ständiger Empörung und Angst geschürt, in dem liberale Vernunft und Mäßigung kaum Gehör finden.

Von links hingegen kommt der Druck in anderer Gestalt. Radikale progressive Strömungen kritisieren den Liberalismus als unzureichend für echte Gerechtigkeit und sehen in ihm eher ein Hindernis auf dem Weg zu umfassender Gleichstellung. Aus dieser Perspektive hat der Liberalismus mit seinem Fokus auf individuellen Rechten und moderaten Reformen die Revolution verraten: Er verspricht Fortschritt, „aber nur bis zu einem gewissen Punkt“. Linke Kritiker monieren, liberaler Reformismus bewahre letztlich bestehende Machtverhältnisse – er gleiche einem „Türsteher“ der Veränderung, der allzu radikale Forderungen als unrealistisch abblockt. Tatsächlich zeigen sich einige progressive Milieus zunehmend intolerant gegenüber abweichenden Meinungen im Namen höherer Gerechtigkeit. In Universitäten, Medien und sozialen Bewegungen werden liberale Kernprinzipien wie Meinungsfreiheit und neutrale Rechtsgleichheit teilweise mit Misstrauen betrachtet, ja als bürgerliche Fassade für Unterdrückung gebrandmarkt. Unter dem Banner der Identitätspolitik entsteht bisweilen ein Klima moralischer Konformität, in dem abweichende Stimmen nicht argumentativ widerlegt, sondern sozial sanktioniert werden. So hat eine neue linke „Woke“-Kultur Begriffe wie Cancel Culture oder Safe Spaces geprägt, die eine Tendenz zeigen, Diskurse einzuschränken, um als diskriminierend empfundene Inhalte zu unterbinden. Selbst Grundsätze wie die freie Rede oder die Unschuldsvermutung werden in solchen Milieus teils als „überkommene Konzepte“ abgetan. Liberale, die traditionell auf Dialog und Meinungsvielfalt setzen, sehen sich dadurch herausgefordert: Ihr Plädoyer für offene Debatten wird von Teilen der linken Bewegung als Schwäche oder fehlende Konsequenz empfunden.

Nun stehen Liberale vor dem Dilemma, sowohl die autoritäre Rechte als auch die illiberale Linke abwehren zu müssen. Diese doppelte Defensive erschwert einen selbstbewussten Kurs. Schlimmer noch, die gemäßigten liberalen Kräfte sind sich oft uneins, welche Bedrohung gravierender ist. Während die einen vor allem den rechtspopulistischen Angriff auf demokratische Institutionen fürchten, sehen andere im schleichenden Verlust liberaler Grundwerte durch identitäre Dogmen die größere Gefahr. So oder so: Beide Extreme nagen an den Fundamenten der offenen Gesellschaft – von rechts droht die Aushöhlung des Rechtsstaats im Namen von Autorität und Tradition, von links die Relativierung universaler Freiheitsrechte im Namen von Gleichheit und Identität. Der liberale Mittelbau gerät dadurch unter erheblichen Druck. Wenn er sich nicht klar von beiden Seiten abgrenzt und seine eigenen Prinzipien verteidigt, droht eine schleichende Verschiebung der gesamten Gesellschaft hin zu illiberalen Positionen. Die Geschichte mahnt, dass Freiheit oft dann verloren geht, wenn ihre Verteidiger uneinig und zaudernd sind. Es gehört daher zu den drängendsten Aufgaben, den Konsens der liberalen Mitte wiederzubeleben – ein Bündnis jener vernünftigen Kräfte links und rechts der Mitte, die die offenen Regeln unserer Demokratie gegen die Anfechtungen der Extreme gemeinsam verteidigen.

Die Versuchung der Technokratie: Effizienz statt Freiheit?

Neben dem ideologischen Gegenwind von links und rechts sieht sich der Liberalismus auch von einer anderen Seite herausgefordert: dem technokratischen Zugriff auf Politik und Gesellschaft. In den vergangenen Jahren hat sich – nicht zuletzt angesichts komplexer Krisen wie Finanzkrisen, Pandemien oder Klimawandel – die Tendenz verstärkt, schwierige Entscheidungen aus dem offenen demokratischen Diskurs herauszulösen und in die Hände von Experten, Bürokratien oder automatisierten Systemen zu legen. Das geschieht oft mit den besten Absichten: Effizienz, Sicherheit und wissenschaftliche Rationalität werden als Gründe angeführt, um politische Prozesse zu „optimieren“. Doch diese technokratische Versuchung kann liberalen Prinzipien zuwiderlaufen. Wenn Parlamente durch Expertengremien marginalisiert werden, wenn algorithmische Verwaltung Entscheidungen vorgibt oder wenn exekutive Maßnahmen ohne öffentliche Debatte alternativlos erklärt werden, gerät das Gleichgewicht aus Freiheit und Machtkontrolle ins Wanken.

Aus liberaler Sicht ist jede Macht – auch die scheinbar neutrale von Fachleuten – mit gesundem Misstrauen zu betrachten. Technokratie neigt jedoch dazu, dieses Misstrauensprinzip zu unterlaufen: Hier wird Herrschaft nicht offen autoritär ausgeübt, sondern unauffällig durch administratives Wirken. Bürgerliche Freiheiten und demokratische Teilhabe können so schrittweise eingeschränkt werden, ohne dass formell die Demokratie abgeschafft wird – man spricht mitunter von der „soften“ Erosion liberaler Ordnungen. Beispiele dafür sind etwa überbordende Regulierungen, die im Namen der Prävention immer tiefer in Alltag und Wirtschaft eingreifen (Kapitel 3.1 und 3.2 behandeln dies ausführlich). Was als schützende Maßnahme beginnt, wird nicht selten zu umfassender Kontrolle: Der Staat erhebt detaillierte Daten, setzt Verhaltensanreize, normiert Lebensbereiche – alles mit dem Anspruch, für das kollektive Wohl zu sorgen. Liberal ist das nur solange, wie Gegenmacht, Transparenz und rechtliche Kontrolle gewährleistet bleiben. Doch wo diese fehlen, entsteht ein bürokratischer Paternalismus, der den mündigen Bürger durch den verwalteten Untertan ersetzt.

Der technokratische Druck auf liberale Prinzipien kommt auch daher, dass viele Entscheidungsträger nach den turbulenten Erfahrungen der letzten Jahrzehnte (Terrorismus, Wirtschaftskrisen, Pandemie) Vertrauen in die offene Gesellschaft verloren haben. Statt auf den Wettbewerb der Ideen und die Selbstregulierungskräfte freier Bürger zu setzen, verfallen sie der Hoffnung, komplexe Probleme durch Technik, Algorithmik und Expertise von oben lösen zu können. Einige Verteidiger der liberalen Demokratie glauben gar, man müsse zur Rettung der Freiheit zeitweilig auf weniger Demokratie setzen – quasi eine undemokratische Liberalismus-Variante, in der Expertenherrschaft die populistischen Massen in Schach hält. Doch ein Liberalismus, der sich mit reiner Technokratie gleichsetzt, läuft Gefahr, seine Seele zu verlieren. Wenn politische Teilhabe durch ein Regime vermeintlicher Sachzwänge ersetzt wird, fühlen sich Bürger entmündigt – ein fruchtbarer Boden für noch mehr populistischen Aufstand gegen „die da oben“. Die liberale Ordnung wird so ironischerweise von innen ausgehöhlt, während sie sich nach außen zu retten versucht.

Liberalismus im 21. Jahrhundert muss daher lernen, die Balance zwischen Expertise und Demokratie zu wahren. Selbstverständlich sind wissenschaftliche Erkenntnisse und kompetente Verwaltung wichtig. Doch die Kunst besteht darin, diese in den Dienst der Freiheit zu stellen, statt sie an deren Stelle treten zu lassen. Eine offene Gesellschaft verträgt keine permanenten Notverordnungen und keinen Dauerzustand „wohlmeinender Bevormundung“. Technik und Verwaltung dürfen kein Ersatz für Rechtsstaat und Deliberation sein, sondern müssen ihnen untergeordnet bleiben. Hier ist Wachsamkeit geboten: Jeder Zugewinn an Effizienz ist kritisch abzuwägen gegen den möglichen Verlust an individueller Autonomie. Der liberale Kompass verlangt, auch im Zeitalter von Big Data und KI die Frage zu stellen: Dient eine Maßnahme noch den freien Bürgern – oder entmündigt sie sie bereits zugunsten eines abstrakten Kollektivziels? Nur wenn diese Frage immer wieder gestellt wird, kann verhindert werden, dass wir auf leisen Sohlen von einer freien zu einer technokratisch gesteuerten Gesellschaft abgleiten.

Digitalisierung, Plattformlogik und Überwachungskapitalismus

Eine der größten Veränderungen – und Herausforderungen – für den Liberalismus im 21. Jahrhundert ist die digitale Revolution mit ihrer Plattformökonomie und dem Aufstieg eines neuen Überwachungskapitalismus. Die Digitalisierung hat einerseits unbestreitbar emanzipatorische Effekte: Noch nie war es so einfach, Informationen auszutauschen, Wissen global verfügbar zu machen und individuelle Stimmen Gehör finden zu lassen. Theoretisch könnte das Internet einen wahrgewordenen Traum liberaler Aufklärung darstellen – einen offenen Marktplatz der Ideen, auf dem sich das bessere Argument durchsetzt und jeder Mensch an der öffentlichen Debatte teilhaben kann.

Die Realität zeigt jedoch auch die dunklen Kehrseiten der digitalen Sphäre. Statt einer Blüte rationaler Diskurse erleben wir oft die Fragmentierung der Öffentlichkeit in abgeschottete Echokammern und Filterblasen. Die sozialen Medien zerlegen die einst relativ gemeinsam erlebte Öffentlichkeit in zahllose Teil-Öffentlichkeiten, in denen jeweils eigene „Wahrheiten“ kursieren. Diese Aufsplitterung – ironischerweise ermöglicht durch liberale Kommunikationsfreiheit – untergräbt den gemeinsamen Boden für gesellschaftliche Kompromisse. Dazu kommt die „Kommodifizierung der Wahrheit“, wie es ein Beobachter nannte: Im digitalen Raum werden Aufmerksamkeit und Emotion zur Ware. Algorithmen optimieren Inhalte nach Klicks und Verweildauer, nicht nach Wahrheit oder Gemeinwohl. Das Ergebnis sind Desinformation, Verschwörungsmythen und ein Verlust des Vertrauens in etablierte Fakten – Entwicklungen, die diametral gegen die aufgeklärte Vernunfttradition des Liberalismus stehen.

Noch tiefgreifender ist der Einfluss des neuen Überwachungskapitalismus. Darunter versteht die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff jene ökonomische Logik, die private menschliche Erfahrung in Rohdaten verwandelt, um daraus Vorhersagen über unser Verhalten zu erstellen und Profit zu schlagen. Tech-Giganten wie Google, Facebook (Meta) oder Amazon haben in den letzten zwei Jahrzehnten ungeheure Mengen persönlicher Daten gesammelt. Aus diesen Daten werden mittels Künstlicher Intelligenz Profile und Prognosen generiert – mit dem Ziel, unser zukünftiges Verhalten möglichst genau vorherzusagen und zu beeinflussen. Diese datengetriebenen Machtstrukturen stellen den Liberalismus vor neuartige Probleme: Privatsphäre und individuelle Autonomie, Grundpfeiler jeder freiheitlichen Gesellschaft, sind bedroht, wenn jeder Schritt, jeder Klick und jedes Konsumverhalten aufgezeichnet und ausgewertet wird. Zuboff warnt eindringlich, dass diese Praktiken unsere persönliche Handlungsfreiheit subtil aushöhlen – die Menschen würden von der freien Selbstbestimmung in eine Ära verhaltensgesteuerter Konditionierung geführt. Ohne autonome Individuen aber kann es keine funktionierende liberale Demokratie geben, denn Demokratie setzt mündige, urteilskraftfähige Bürger voraus. Wenn hingegen Algorithmen unser Denken leiten und unsere Entscheidungen manipulativ „anschubsen“, droht die Grundlage des liberalen Menschenbilds – der selbstbestimmte Mensch – zu erodieren.

Zugleich schafft die digitale Ökonomie neue Machtkonzentrationen, die aus liberaler Sicht alarmierend sind. Einige wenige Plattformunternehmen beherrschen global die Informationsströme, die sozialen Interaktionen und sogar ganze Märkte (z.B. Amazon im Online-Handel). Klassische liberale Theorien gingen von offenen Märkten und dezentralem Wettbewerb aus; nun haben wir es mit Netzwerkmonopolen zu tun, gegen die traditionelle Konkurrenz kaum ankommt. Diese Konzerne agieren oft jenseits traditioneller staatlicher Kontrolle und prägen doch das tägliche Leben von Milliarden Menschen – eine Machtposition, die früher nur Staaten innehatten. Liberalismus bedeutet aber stets Machtbegrenzung, ob politisch oder ökonomisch. Entsprechend steht die Frage im Raum: Wie können freiheitliche Gesellschaften private Machtballung zähmen, ohne die Prinzipien der offenen Märkte und Innovation zu ersticken? Erste Ansätze sind erkennbar, von strengeren Datenschutzgesetzen (etwa der DSGVO in Europa) bis zu Diskussionen über die Zerschlagung großer Tech-Firmen nach Kartellrecht. Doch die Gratwanderung ist schwierig. Ein „liberales Antitrust“ muss gefunden werden, das Wettbewerb und Nutzerrechte schützt, ohne in dirigistische Planwirtschaft abzugleiten.

Interessanterweise fühlten sich manche alte Debatten plötzlich wieder aktuell an. Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie – etwa Friedrich A. von Hayek – hatten schon im 20. Jahrhundert auf das sogenannte Wissensproblem hingewiesen: Eine zentrale Instanz kann niemals alle verteilten Informationen einer Gesellschaft sammeln und auswerten, um wirtschaftliche Prozesse effizient zu steuern. In den 1930er Jahren entlarvten Mises und Hayek damit die Illusion der sozialistischen Planwirtschaft. Heute argumentieren manche Technokraten, Big Data und KI könnten dieses Problem lösen und eine Art „digitalen Zentralplan“ ermöglichen. Doch Hayeks Einwand bleibt gültig: Information ist nicht gleich Wissen. Selbst wenn Computer in Echtzeit Milliarden von Datensätzen verarbeiten könnten – die wirklich relevante Kenntnis über dynamische menschliche Bedürfnisse, lokal spezifische Umstände und kreative neue Ideen entsteht nur im freien Marktprozess selbst. Kein Algorithmus kann die spontanen Entdeckungen und Lernprozesse ersetzen, die in einer offenen Gesellschaft permanent stattfinden. Diese Einsicht mahnt uns, auch im Zeitalter der Digitalisierung Demut vor der Komplexität sozialer Ordnung zu bewahren. Weder Staaten noch Konzerne sollten glauben, das Leben der Menschen lückenlos berechen- und steuerbar zu machen – ein solches technokratisches Projekt würde letztlich die Freiheit und Würde des Einzelnen negieren.

Das angeschlagene Ansehen des Liberalismus

Angesichts all dieser Entwicklungen verwundert es nicht, dass der Liberalismus auch im öffentlichen Ansehen gelitten hat. In der politischen Rhetorik taucht „liberal“ oft als Kampfbegriff auf – je nach Lager mit sehr unterschiedlicher Bedeutung. Rechte Populisten schmähen „die Liberalen“ als weltfremde Eliten, als Globalisten ohne Patriotismus, denen Ordnung und Tradition nichts gelten. Linke Kritiker wiederum benutzen „neoliberal“ beinahe als Synonym für herzlosen Turbokapitalismus und soziale Kälte. Diese verzerrten Bilder überdecken, dass der Liberalismus ursprünglich weder elitär noch unsozial ist, sondern eine Befreiungsphilosophie für den Einzelnen und die Masse zugleich. Doch in der aufgeheizten Atmosphäre heutiger Debatten dringen differenzierte Sichtweisen kaum durch.

Eine Folge ist, dass viele Bürger gar nicht mehr klar unterscheiden, was mit „liberal“ gemeint ist. Steht es für Marktfreiheit und Deregulierung (wirtschaftsliberal), für bürgerliche Freiheitsrechte und Toleranz (klassisch liberal), oder einfach für eine moderate zentristische Haltung? Dieses Begriffs-Chaos erschwert eine positive Identifikation mit dem Liberalismus. Zudem haftet ihm der Ruf an, die Ideologie des Status quo zu sein – also für jene Verhältnisse verantwortlich, mit denen große Teile der Bevölkerung unzufrieden sind. Finanzkrisen, wachsende Ungleichheit, Globalisierungsängste: All das wird – manchmal pauschal und unfair – „dem neoliberalen System“ zugeschrieben. Der Liberalismus steht so am Pranger, obwohl oftmals komplexe Ursachen am Werk sind (und obwohl liberale Politik viel Gutes bewirkt hat).

In der Öffentlichkeit geht damit ein narratives Vakuum einher: Wofür steht der Liberalismus heute positiv? Vielen fällt dazu wenig ein außer abstrakten Schlagworten. Die großen emotionalen Erzählungen überlassen Liberale ihren Gegnern. Nationalpopulisten erzählen vom wiedererstehenden starken Volk, Sozialisten vom endlich gerechten neuen System – Liberale hingegen tun sich schwer, ihre Vision in ebenso zugkräftige Bilder zu fassen. Entsprechend lustlos oder defensiv wirken liberale Parteien in manchen Ländern. Etliche traditionelle liberal-demokratische Parteien schrumpfen oder verlieren Profil, während radikalere Kräfte Zulauf haben. Wo Liberale mitregieren, werden sie oft als verwaltungstechnokratische Manager wahrgenommen, weniger als Künder einer inspirierenden Idee.

Hinzu kommt, dass liberale Akteure oft intern gespalten auftreten. Anstatt geeint die gemeinsamen Werte zu vertreten, verzetteln sie sich in Flügelkämpfen – beispielsweise zwischen libertären Marktradikalen und eher linksliberalen Sozialreformern. Diese öffentliche Uneinigkeit verstärkt den Eindruck von Orientierungslosigkeit. Sie lädt Gegner geradezu ein, den Liberalismus als „beliebig“ oder „rückgratlos“ abzuwerten. Wer aber für nichts Konkretes steht, der kann auch keine Begeisterung wecken.

Es gibt jedoch auch hoffnungsvolle Zeichen: In Krisensituationen erinnern sich plötzlich viele Menschen an den Wert liberaler Errungenschaften. Die breite Solidarität der westlichen Öffentlichkeit mit der Ukraine im Angesicht des russischen Überfalls 2022/23 etwa hat gezeigt, dass Freiheit, Rechtsstaat und Selbstbestimmung nach wie vor hohes Ansehen genießen, wenn sie akut bedroht sind. Auch innenpolitisch merken Gesellschaften oft erst beim drohenden Verlust, was sie am Liberalismus hatten – sei es die unabhängige Justiz, die kritische Presse oder das Recht, anders zu sein. Diese späten Einsichten zeigen: Der liberalen Idee haftet trotz allem ein positives Potenzial an, das reaktiviert werden kann. Damit dies gelingt, muss der Liberalismus aber wieder deutlicher erklären, was ihn ausmacht und warum er für alle – nicht nur für Eliten – von Wert ist. Genau dazu können auch klassische liberale Denker beitragen.

Perspektiven der Österreichischen Schule: Was Hayek, Mises und Kirzner uns sagen

Angesichts der skizzierten Herausforderungen lohnt ein Blick auf die Österreichische Schule der Nationalökonomie, die eng mit der liberalen Tradition verbunden ist. Ökonomen wie Ludwig von Mises, Friedrich A. von Hayek und Israel Kirzner haben nicht nur die Markttheorie geprägt, sondern auch tiefe Einsichten in die Voraussetzungen einer freien Gesellschaft geliefert. Ihre Perspektiven können helfen, den Liberalismus im 21. Jahrhundert neu zu verorten.

Ludwig von Mises – leidenschaftlicher Verfechter des klassischen Liberalismus – definierte dessen Programm einst in drei Worten: Eigentum, Freiheit, Frieden. Für Mises war privates Eigentum an den Produktionsmitteln die conditio sine qua non einer freien Gesellschaft: Nur wenn Individuen wirtschaftlich unabhängig agieren können, bleiben sie auch politisch souverän. Ohne Eigentum verliert Freiheit an Substanz, so seine Überzeugung. Diese Warnung ist heute relevant, wenn man an die Machtkonzentration großer Plattformunternehmen denkt. Mises würde wohl fragen: Erhalten wir genügend Wettbewerb und verteiltes Eigentum, um individuelle Autonomie zu sichern, oder droht eine neue Abhängigkeit – sei es von monopolistischen Konzernen oder vom fürsorglichen Staat? Seine Lösung läge klar in der Stärkung des freien Wettbewerbs und des Eigentumsschutzes, damit Macht gar nicht erst so einseitig entstehen kann. Auch Mahnungen Mises’ hinsichtlich der Toleranz verdienen Beachtung: „Ein freier Mensch muß es ertragen können, daß seine Mitmenschen anders handeln und leben, als er es für richtig hält, und muß sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen“. Dieses Zitat aus Liberalismus (1927) klingt wie ein Appell direkt in unsere Gegenwart: Gegenüber unliebsamen Meinungen oder Lebensentwürfen nicht reflexhaft nach Verbotsrufen zu verlangen, sondern Freiheit auch dort auszuhalten, wo sie einem persönlich nicht schmeckt. In Zeiten, in denen schnell Forderungen laut werden, missliebige Stimmen zu „canceln“ oder staatlich einzuschränken, erinnert Mises’ Diktum an den hohen Wert liberaler Gelassenheit und Rechtsstaatlichkeit.

Friedrich von Hayek wiederum betonte das Wissen und die Spontaneität als Kern liberaler Gesellschaften. Er zeigte, dass kein zentrales Gehirn die Vielzahl an Informationen verarbeiten kann, die dezentral in Millionen von Köpfen vorhanden sind. Märkte und freie Preise sind in Hayeks Sicht geniale Entdeckungsverfahren, durch die diese verteilten Wissenssplitter koordiniert werden. Übertragen auf unsere digitale Gegenwart würde Hayek wohl darauf hinweisen, dass die aktuellen Versuche, mittels Big Data menschliches Verhalten zu steuern, die Grenzen der Erkenntnis nicht überwunden haben. Alle Daten der Welt ersetzen nicht das kreative, unvorhersehbare Potenzial freier Individuen. Wenn heute etwa Algorithmen genutzt werden, um vorauszusagen, was Menschen wollen werden, so widerspricht das Hayeks Verständnis nach der offenen Zukunft der menschlichen Handlung. Liberale Ordnung heißt bei Hayek immer auch, Raum fürs Ungeplante zu lassen – für Innovation, abweichende Pläne und Lernprozesse. Er würde uns raten, den vermeintlichen Allmachtsfantasien der Datenplaner mit Skepsis zu begegnen und stattdessen auf die evolutionären Kräfte freier Interaktion zu vertrauen. Gleichzeitig warnte Hayek in Der Weg zur Knechtschaft (1944) eindringlich vor dem schrittweisen Freiheitsverlust durch wohlgemeinte staatliche Lenkung: Jeder Eingriff zugunsten vermeintlicher Sicherheit könne den Pfad Richtung Unfreiheit ebnen. Betrachtet man heutige Tendenzen – vom Sicherheitsstaat bis zur betreuten Konsumgesellschaft –, erscheinen Hayeks Warnungen aktueller denn je.

Israel Kirzner, ein Schüler Mises’, ergänzt diese Perspektiven durch seine Theorie des Unternehmertums. Kirzner sieht im Unternehmer die personifizierte Wachsamkeit, die in Marktprozessen Ungleichgewichte entdeckt und neue Möglichkeiten erschließt. Übertragen heißt das: Eine liberale Gesellschaft, die offen für Experimente ist, kann auf Krisen und Veränderungen flexibel reagieren, indem findige Köpfe Lösungen erarbeiten. Die aktuelle digitale Umwälzung etwa – mit all ihren Problemen – lässt sich nach Kirzners Denkansatz nicht durch starre Regulierung von oben „fixieren“, sondern am ehesten durch noch mehr innovatorische Freiheit. Neue Unternehmen könnten die Dominanz der Alten herausfordern, wenn man ihnen den Marktzutritt nicht versperrt; kreative Geschäftsmodelle könnten Datenschutz und Profitabilität vereinen, wenn der Wettbewerb um Vertrauen angefacht wird. Kirzners Optimismus gegenüber der Selbstheilungskraft freier Märkte ist ein heilsamer Kontrapunkt zur kulturellen Pessimismus-Stimmung. Er erinnert uns daran, dass Liberalismus immer auch an die Fähigkeit der Menschen glaubt, Probleme aus eigener Initiative zu lösen – sei es im Kleinen vor Ort oder im Großen durch bahnbrechende Erfindungen.

Insgesamt bieten Hayek, Mises, Kirzner und andere Denker der Österreichischen Schule einen Fundus an Ideen für eine liberale Erneuerung. Sie mahnen erstens, zur intellektuellen Klarheit zurückzukehren – Liberalismus darf kein diffuser Wertemix bleiben, sondern braucht einen erkennbaren Markenkern (für Mises: Eigentum, Freiheit, Frieden). Zweitens fordern sie Vertrauen in freie Prozesse: weder die Allmacht des Staates noch die Allmacht der Technik darf die eigenständigen Kräfte der Gesellschaft unterdrücken. Und drittens pochen sie auf Prinzipientreue: Toleranz, Rechtsstaat, Marktoffenheit – diese Grundlagen dürfen auch in schwierigen Zeiten nicht preisgegeben werden, ohne dass der Liberalismus sich selbst verrät.

Übrigens waren es ebendiese Denker (Hayek an vorderster Front), die nach der Krise der 1930er-Jahre maßgeblich an der ersten Neubelebung des Liberalismus beteiligt waren – man denke an das Colloque Walter Lippmann 1938 und die Mont Pèlerin Society ab 1947. Damals wie heute stand der Liberalismus „an vielen Fronten unter Beschuss“ und litt unter einer Legitimationskrise. Die Geschichte zeigt somit, dass liberaler Geist sich durchaus erneuern kann, wenn er sich seiner selbst bewusst wird und Verbündete weltweit vernetzt. Aus den dunklen Tagen des 20. Jahrhunderts ging ein gestärkter Liberalismus hervor – und genauso kann die heutige Generation liberaler Vordenker aus den aktuellen Herausforderungen lernen und neue Antworten formulieren.

Wege zu liberaler Selbstvergewisserung und Erneuerung

Angesichts von Fragmentierung, äußerem Druck, digitalem Umbruch und Imageproblemen stellt sich die entscheidende Frage: Wie kann der Liberalismus sich zeitgemäß selbst vergewissern und erneuern? Resignation wäre fehl am Platz – denn nach wie vor hängt die Zukunft der Freiheit maßgeblich von der Vitalität liberalen Denkens ab. Einige mögliche Ansatzpunkte für eine zeitgemäße liberale Renaissance zeichnen sich ab:

Erstens: Rückbesinnung auf gemeinsame Prinzipien. Trotz aller Vielfalt braucht es einen klar erkennbaren Wertekern, um den Liberalismus wieder profilierter zu machen. Begriffe wie Freiheit, Verantwortung, Rechtsstaatlichkeit, Eigentum und Toleranz müssen mit neuem Leben gefüllt und offensiv vertreten werden. Dazu gehört, Missverständnisse auszuräumen: Liberalismus ist nicht Gleichbedeutend mit egoistischem Materialismus oder Deregulierungswut, sondern meint die Befähigung des Individuums, sein Leben selbstbestimmt und im Respekt vor anderen zu gestalten. Eine stolze, aber reflektierte Begriffsklärung nach innen und außen ist die Grundlage, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Dieses Buch als Ganzes unternimmt genau dies – es definiert den normativen Rahmen, in dem demokratische Debatten sinnvoll stattfinden können. Wenn Liberale selbstbewusst und geschlossen auftreten, nehmen auch andere ihre Stimme wieder als Orientierung wahr.

Zweitens: Offensive Verteidigung der offenen Gesellschaft. Liberalismus darf nicht länger bloß reagieren, sondern sollte wieder Agendasetter werden. Das bedeutet, Angriffe auf die offene Gesellschaft klar zu benennen und entschlossen zurückzuweisen – seien es autoritäre Machtspiele, die Aushöhlung der Gewaltenteilung, Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit oder auch kulturkämpferische Tabuisierungen von Debatten. Die liberale Haltung muss erkennbar machen: Hier wird eine Grenze überschritten. Gleichzeitig sollten Liberale aber nicht nur in der Defensive verharren. Sie können eigene Projekte und Visionen anbieten: etwa eine Bildungsinitiative für demokratische Streitkultur, Programme zur Stärkung der Zivilgesellschaft, oder Vorstöße für digitale Grundrechte (wie ein Recht auf Verschlüsselung, Datensouveränität und Netzneutralität). Solche positiven Agenda-Punkte zeigen, dass Liberalismus mehr ist als Wirtschaftspolitik – nämlich ein umfassendes Gesellschaftsmodell, das auch Antworten auf neue Fragen liefert.

Drittens: Anpassung an den digitalen Wandel ohne Prinzipienverrat. Die liberalen Grundsätze müssen ins digitale Zeitalter übersetzt werden. Das heißt beispielsweise, die Idee der Gewaltenteilung auf die Macht großer Tech-Plattformen anzuwenden – durch Checks and Balances wie transparente Moderationsregeln, Interoperabilität oder Wettbewerbshürden für Monopole. Es heißt, Meinungsfreiheit im Internet zu verteidigen, aber zugleich neue Lösungen gegen Desinformation zu finden, die mit den offenen Prinzipien vereinbar sind (etwa mehr digitale Medienkompetenz und unabhängige Faktenchecks statt staatlicher Zensur). Es heißt, Eigentumsrechte auf Daten und digitale Güter zu klären, um Nutzer aus der völligen Abhängigkeit von Konzernen zu befreien. Der Liberalismus kann hier kreativ sein: Warum nicht über Datengenossenschaften nachdenken, in denen Bürger ihre Daten gemeinsam kontrollieren? Oder über digitale Währungen, die Zentralbanken nicht beliebig manipulieren können? In vielerlei Hinsicht bietet die Technologie auch Chancen, liberale Ideen neu umzusetzen – man denke an Blockchain-Konzepte, die Vertrauen dezentral organisieren, oder an Online-Plattformen, die direktdemokratische Beteiligung erleichtern (Kapitel 6.5 beleuchtet „Freiheit in einer vernetzten Welt“). Der Schlüssel wird sein, Innovation und Freiheit als Bündnispartner zu sehen, nicht als Widersacher.

Viertens: Gewinnung der kulturellen Hegemonie zurück. Der Liberalismus muss sich wieder stärker im kulturellen Mainstream verankern. Dazu gehört, die Sprache der Werte neu zu lernen. Statt abstrakt von „Offenheit“ zu reden, können Liberale Geschichten erzählen von konkreten Menschen, deren Leben durch Freiheit besser wurde. Statt nur ökonomische Statistiken zu bemühen, können sie die moralische Schönheit einer Gesellschaft der Vielfalt und Freiwilligkeit betonen. Der Liberalismus hat ja eine zutiefst humanistische Botschaft: dass jeder Einzelne Würde besitzt und kein Kollektivzweck über das Individuum triumphieren darf. Diese Botschaft gilt es emotional aufzuladen. Dazu gehört auch, Bündnisse mit Künstlern, Schriftstellern, Bloggern einzugehen, die freiheitsliebende Ideen verbreiten können. In einer Zeit, in der Narrative zählen, muss die liberale Erzählung erneuert werden. Sie könnte z.B. lauten: „Wir stehen für die Kultur der Freiheit, in der jeder ohne Angst anders sein darf und gemeinsam mit anderen Großes schaffen kann – eine Kultur, die Fortschritt und Menschlichkeit vereint.“ Solche positiven Visionen könnten dem entgegentreten, dass Liberalismus als kalt oder vergangen wahrgenommen wird.

Fünftens: Selbstkritik und Lernbereitschaft. Ein erneuerter Liberalismus wird auch anerkennen müssen, wo berechtigte Kritik existiert. Die Finanzkrise von 2008 etwa zeigte, dass Märkte ohne klare Regeln aus dem Ruder laufen können – hier dürfen Liberale nicht den Fehler wiederholen, jegliche Regulierung reflexhaft abzulehnen, wo sie zur Sicherung des fairen Wettbewerbs nötig ist. Ebenso müssen Liberale die Themen soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit nicht den Gegnern überlassen. Freiheit gedeiht nicht auf Dauer in Gesellschaften extremer Ungleichheit oder vor ökologischer Katastrophe. Es gilt, liberale Antworten auf soziale Fragen zu formulieren: Wie kann man Aufstiegschancen verbessern, ohne in Bevormundung zu verfallen? Wie lässt sich Klimaschutz marktwirtschaftlich und innovativ gestalten, statt mit dirigistischen Verboten? Solche Fragen ernsthaft anzugehen, zeigt Demut und zugleich den Anspruch, den Liberalismus zeitgemäß weiterzuentwickeln. Gerade die Österreichische Schule kann hier Impulse geben: Etwa mit Hayeks Konzept der spontanen Ordnung, das man auf lokale Kooperationsmodelle anwenden könnte, um soziale Probleme freiwillig zu lindern; oder mit Mises’ Betonung von Frieden und internationaler Kooperation, die auch heute angesichts globaler Herausforderungen dringend nötig ist.

Abschließend lässt sich sagen: Der Liberalismus im 21. Jahrhundert steht am Scheideweg zwischen Bedeutungsverlust und Erneuerung. Noch ist er nicht gescheitert – aber er muss sich neu erfinden, ohne sich selbst aufzugeben. Es braucht eine Selbstvergewisserung, die die eigenen Wurzeln auffrischt und daraus frische Triebe wachsen lässt. Mut zur Differenzierung, zur „Unschärfe“ und Offenheit, wie es schon im ursprünglichen Textentwurf hieß, ist dabei kein Zeichen der Schwäche, sondern Ausdruck intellektueller Reife. Liberalismus darf dogmatische Starre meiden, muss aber zugleich seine klaren Linien kennen. Die kommende Generation von Liberalen ist aufgerufen, laut und engagiert für die Werte der offenen Gesellschaft einzutreten – in neuen Bündnissen, mit neuen Ideen, aber dem alten Kernprinzip verpflichtet: Freiheit als Lebensprinzip in einer komplexen Welt.

Wenn es gelingt, Liberalismus wieder als positive Kraft der Ermächtigung des Einzelnen und des Friedens der Gemeinschaft sichtbar zu machen, dann wird er auch die Orientierungslosigkeit überwinden. Denn letztlich verschwinden Freiheit und Liberalismus nicht plötzlich mit einem lauten Knall – sie schwinden, wenn niemand mehr auf sie achtet. Achten wir also darauf. Die freie Gesellschaft des 21. Jahrhunderts braucht entschlossene liberale Verteidiger – heute mehr denn je.

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