Historische Ursprünge und Entwicklung
Der Begriff Neoliberalismus entstand im 20. Jahrhundert als Antwort auf die Krisen des klassischen Laissez-faire-Liberalismus. Bereits 1938 prägte der deutsche Soziologe Alexander Rüstow auf dem Colloque Walter Lippmann in Paris den Begriff Neoliberalismus. Gemeint war damit eine neue Form des Liberalismus, die zwar marktwirtschaftliche Freiheit und private Eigentumsrechte betonte, aber im Unterschied zum klassischen Liberalismus dem Staat eine stärkere ordnende Rolle zuschrieb. Diese Denkrichtung sollte Lehren aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ziehen: Ein neoliberaler Staat sollte die Rahmenbedingungen für funktionierenden Wettbewerb aktiv gestalten, anstatt sich völlig auf den freien Markt selbst zu verlassen.
In Deutschland entwickelte sich aus diesen Ideen der Ordoliberalismus, angeführt von Ökonomen wie Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack. Sie forderten eine Wettbewerbsordnung, in der der Staat als Schiedsrichter die Regeln setzt und Monopole verhindert, um einen fairen Wettbewerb zu garantieren. Gleichzeitig sollten soziale Härten abgefedert werden – ganz im Sinne des späteren Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft. Dieses Denken beeinflusste maßgeblich die westdeutsche Wirtschaftspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg: Wirtschaftsminister Ludwig Erhard setzte auf Marktfreiheit in Kombination mit sozialpolitischen Elementen und prägte das Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik. Der Begriff Neoliberalismus wurde damals teils synonym mit der Sozialen Marktwirtschaft verwendet. Wichtig ist jedoch: Diese ursprünglichen Neoliberalen lehnten sowohl den ungezügelten Paläoliberalismus des 19. Jahrhunderts als auch den sozialistischen Planstaat ab. Stattdessen suchten sie einen dritten Weg, der Markteffizienz mit sozialer Verantwortung verbindet.
Nach den 1950er-Jahren geriet der Begriff Neoliberalismus zunächst etwas in Vergessenheit. Kaum jemand bezeichnete sich selbst noch als neoliberal – stattdessen sprach man im deutschen Sprachraum lieber von der Sozialen Marktwirtschaft. International bemühten sich allerdings Denker wie Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises (Vertreter der Österreichischen Schule) sowie Milton Friedman (Führer der Chicagoer Schule) um eine Wiederbelebung liberaler Ideen. Hayek gründete 1947 die Mont Pelerin Society, ein Netzwerk liberaler Intellektueller, zu dem auch Friedman und deutsche Ordoliberale wie Eucken gehörten. Ihr Ziel war es, liberale Grundsätze – individuelle Freiheit, freier Markt, Rechtsstaatlichkeit – angesichts des Vormarsches von Keynesianismus und sozialistischen Modellen zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Allerdings mieden viele dieser Protagonisten das Etikett neoliberal; sie sahen sich eher als klassische Liberale.
Einen entscheidenden Bedeutungswandel erfuhr Neoliberalismus in den 1970er und 1980er Jahren. In Chile übernahm nach dem Putsch 1973 das Regime von General Augusto Pinochet eine Reihe radikaler Marktreformen, die von den chilenischen sogenannten Chicago Boys – bei Friedman ausgebildete Ökonomen – entworfen worden waren. Diese beinhalteten Massenprivatisierungen, Deregulierung und Abbau des Sozialstaats unter autoritärer Durchsetzung. Kritiker der Pinochet-Reformen begannen dafür den Begriff neoliberal zu benutzen. Er diente zur Abgrenzung von dem ursprünglich positiv konnotierten Ordoliberalismus: Nun stand Neoliberalismus für eine als radikal empfundene Marktorientierung, die soziale Sicherung dem Primat der Ökonomie opfert. Von Lateinamerika aus gelangte dieser neue Begriffsgebrauch in die angelsächsische Welt. In den 1980er-Jahren wurde schließlich alles, was mit aggressiver Marktlogik und Rückzug des Staates verbunden war – etwa die Politik von Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA – als neoliberal bezeichnet. Der Ausdruck wandelte sich so zu einem politischen Schlagwort, das meist kritisch verwendet wurde, um bestimmte wirtschaftspolitische Programme zu kennzeichnen.
Seit den 1990er-Jahren dominiert Neoliberalismus als Begriff die globalisierungskritische Debatte: Er steht nun allgemein für die Vorherrschaft marktförmigen Denkens und für eine Politik der Deregulierung, Privatisierung und Sparsamkeit des Staates. Wichtig ist zu verstehen, dass dieser Terminus heute überwiegend von Kritikern benutzt wird – Befürworter sprechen eher von freier Marktwirtschaft, Angebotspolitik o. ä. Dennoch hat sich Neoliberalismus als Bezeichnung für den wirtschaftspolitischen Zeitgeist nach 1980 eingebürgert.
Theoretische Grundannahmen des Neoliberalismus
Trotz verschiedener Strömungen teilen neoliberale Denker einige Kernprinzipien und Annahmen:
Vorrang des Marktes: Im Zentrum steht der Glaube, dass freie Märkte die effizienteste Form der Ressourcenallokation sind. Preise, die sich in Konkurrenz von Angebot und Nachfrage bilden, gelten als die besten Informations- und Steuerungsmechanismen für eine Wirtschaft. Friedrich von Hayek betonte, dass kein zentraler Planer die verstreuten Informationen so bündeln könne wie der Markt durch das Preissystem. Wettbewerb wird als entdeckendes Verfahren gesehen, das Innovation fördert und Wohlstand maximiert.
Begrenzte Rolle des Staates: Der Staat soll vor allem den Rechtsrahmen sichern – also Eigentumsrechte garantieren, Verträge durchsetzen und für innere sowie äußere Sicherheit sorgen. Darüber hinaus hat er die Aufgabe, Wettbewerb zu schützen (z. B. Monopole verhindern), sich aber möglichst wenig in das Marktgeschehen einzumischen. Klassische Staatsinterventionen wie Preisregulierungen, Subventionen oder eine umfangreiche Wirtschaftsplanung lehnt der Neoliberalismus ab. Stattdessen setzt er auf Privatisierung staatlicher Aufgaben und eine Verringerung der Staatsquote (also des Anteils staatlicher Ausgaben und Eingriffe an der Wirtschaft). Regierung und Bürokratie gelten aus neoliberaler Sicht oft als ineffizient im Vergleich zu Marktprozessen.
Individuelle Freiheit und Eigenverantwortung: Der Neoliberalismus knüpft an den klassischen Liberalismus an, indem er die individuelle Freiheit ins Zentrum stellt. Jeder Mensch soll die Chance haben, seine ökonomischen Entscheidungen frei zu treffen und daraus Nutzen zu ziehen. Daraus folgt auch ein Ethos der Eigenverantwortung: Individuen sollen für ihr Wohlergehen primär selbst verantwortlich sein, nicht der Staat. Dieses Menschenbild betont Selbstständigkeit, Leistungsbereitschaft und unternehmerisches Risiko. Ein ausgebauter Wohlfahrtsstaat wird skeptisch gesehen, da er nach neoliberaler Auffassung falsche Anreize setzen und Individuen in Abhängigkeit halten könnte.
Wettbewerb als Leitprinzip: Wettbewerb gilt als Motor des Fortschritts. Unternehmen im Konkurrenzkampf müssen effizient produzieren, bessere Produkte anbieten und günstigere Preise erzielen – zum Nutzen der Verbraucher. Auch im Bildungswesen, Gesundheitswesen oder anderen Bereichen befürworten Neoliberale wettbewerbliche Elemente (z. B. Schulen in Konkurrenz, Krankenkassenwettbewerb), da dies Leistungssteigerungen und Innovation bringen soll. Grundlegend ist die Vorstellung, Wettbewerb diszipliniert Marktteilnehmer und verhindert Machtkonzentration, sofern der Staat Kartelle und Monopole aktiv unterbindet.
Stabilität und Monetarismus: In der Makroökonomie setzt der Neoliberalismus auf stabile Rahmenbedingungen. Insbesondere niedrige Inflation und solide Staatsfinanzen haben hohe Priorität. Der Ökonom Milton Friedman propagierte den Monetarismus – die Kontrolle der Geldmenge, um Preisstabilität zu gewährleisten – als Alternative zur keynesianischen Nachfragepolitik. Neoliberale Politik zielt darauf ab, Defizite zu begrenzen und Schuldenkrisen vorzubeugen, da unsolide Staatsfinanzen langfristig Wachstum und Stabilität gefährden könnten. Dieses Denken spiegelt sich später in der Betonung von Austeritätspolitik (Sparpolitik) wider.
Freihandel und Globalisierung: Auf internationaler Ebene strebt der Neoliberalismus offene Märkte an. Freier Handel zwischen Ländern und unbeschränkter Kapitalverkehr sollen globalen Wohlstand fördern. Handelsbarrieren, Schutzzölle oder Kapitalverkehrskontrollen lehnt man ab, da sie Wettbewerbsverzerrungen darstellen. Stattdessen setzt man auf weltweite Integration der Märkte (Globalisierung), wodurch sich jedes Land auf seine Stärken spezialisieren und alle durch Austausch profitieren sollen. Institutionen wie die WTO, IWF und Weltbank propagierten ab den 1980ern eine entsprechende Agenda der Handelsliberalisierung und Investitionsfreiheit.
Politische Umsetzung seit den 1970er-Jahren
In der Praxis fand der Neoliberalismus ab den späten 1970er-Jahren weltweit immer stärkeren Einfluss auf die Wirtschaftspolitik. Auslöser waren ökonomische Probleme, die mit den vorher dominierenden keynesianischen Modellen nicht gelöst werden konnten: In vielen westlichen Ländern herrschte Stagflation (eine Kombination aus stagnierendem Wachstum und hoher Inflation), Staatsapparate waren aufgebläht, und die Wettbewerbsfähigkeit schwand. Vor diesem Hintergrund setzten zunächst im angelsächsischen Raum Politiker auf einen marktradikalen Kurswechsel.
Ein frühes Labor neoliberaler Politik war wie erwähnt Chile nach 1973. Unter autoritärer Herrschaft wurden dort drastische Reformen durchgesetzt: staatliche Unternehmen (etwa in Bergbau, Telekommunikation) wurden privatisiert, Preisbindungen aufgehoben, der Außenhandel liberalisiert und das Rentensystem auf private Vorsorge umgestellt. Diese Schocktherapie brachte anfänglich Wachstum, aber auch extreme soziale Verwerfungen – Armut und Ungleichheit stiegen stark. In Großbritannien übernahm 1979 Margaret Thatcher als Premierministerin mit dem Versprechen, die Krise des britischen Sozialstaats zu beenden. Parallel dazu läutete in den USA Präsident Ronald Reagan (Amtszeit 1981–1989) die Ära des Marktfundamentalismus ein, indem er Steuern senkte, Gewerkschaften schwächte und Deregulierung vorantrieb.
Trotz umstrittener Resultate wirkte Chile als Signal: Es zeigte, dass ein radikaler Bruch mit alten staatsinterventionistischen Strukturen möglich war. In Großbritannien übernahm Anfang der 1980er Jahre die konservative Regierung unter Margaret Thatcher einen strikt neoliberalen Kurs und liberalisierte Arbeitsmarkt und Finanzsektor. In den USA verfolgte Ronald Reagan eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die Deregulierung und Steuersenkungen für Unternehmen vorsah. In beiden Ländern führten diese Maßnahmen zunächst zu einem Aufschwung, waren aber auch von sozialen Härten begleitet, etwa steigender Arbeitslosigkeit in traditionellen Industriezweigen.
In Westeuropa setzte sich ab den späten 1980ern ein gemäßigter neoliberal inspirierter Kurs durch, insbesondere in Großbritannien nach Thatcher und in Ländern wie Deutschland unter Helmut Kohl. Deregulierungsschritte, Privatisierungen (etwa von Staatsbetrieben) und eine auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik prägen seither viele Volkswirtschaften. Auf EU-Ebene flossen neoliberale Prinzipien in Verträge und Regelwerke ein: Der EU-Binnenmarkt basiert auf freiem Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr, was Deregulierung und Wettbewerb fördert. Die Maastricht-Kriterien von 1992 legten strenge Grenzen für Staatsdefizite fest, womit fiskalische Disziplin zum Leitprinzip wurde.
Zusammenfassend kann man sagen, dass seit den 1980er-Jahren eine globale Welle neoliberaler Politik zu beobachten war. Deregulierung, Privatisierung und Marktöffnung wurden zu Leitmotiven in vielen Ländern. Diese Entwicklung ging einher mit der Ideologie, dass Wettbewerb und private Initiative effizienter seien als staatliche Steuerung. Die Versprechen lauteten: höheres Wachstum, geringere Inflation, effizientere Versorgung und letztlich Wohlstandsbewahrung in der Globalisierung. Bis zur Finanzkrise 2008 blieb der Neoliberalismus die vorherrschende wirtschaftspolitische Doktrin. Danach begann eine kritischere Betrachtung (dazu gleich mehr), doch er prägt nach wie vor viele politische Debatten und Entscheidungen.
Kritik am Neoliberalismus
Von Beginn an begleiteten vielfältige Kritikpunkte die neoliberale Theorie und Praxis. Insbesondere seit der breiten Durchsetzung neoliberaler Politik in den 1980er/90er-Jahren hat sich eine lebhafte Gegenbewegung formiert, die auf negative Folgen und Widersprüche hinweist. Zu den wichtigsten Kritikpunkten gehören:
Steigende soziale Ungleichheit: Kritiker machen den Neoliberalismus für eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen verantwortlich. Durch Steuersenkungen für Spitzenverdiener, Deregulierung der Arbeitsmärkte (mit Schwächung von Gewerkschaften) und Kürzungen bei Sozialleistungen habe sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Tatsächlich ist in vielen westlichen Ländern seit den 1980ern der Einkommens-Gini-Index gestiegen, und die obersten Prozentsätze der Bevölkerung vereinen einen immer größeren Anteil des Wohlstands auf sich. Selbst der IWF räumt in neueren Analysen ein, dass zunehmende Ungleichheit das Wachstum dämpfen kann. Als Beispiel wird oft die Entwicklung in den USA genannt: Während die Unternehmensgewinne und Managergehälter explodierten, stagnierten die Reallöhne vieler Arbeiter. Kritiker wie etwa Joseph Stiglitz oder Thomas Piketty argumentieren, der neoliberale Kurs habe zu einer Trickle-down-Ökonomie geführt, in der Gewinne an der Spitze nicht in dem Maße nach unten durchsickern, wie versprochen wurde – im Gegenteil, die Mittelschicht erodiere, und die Armut verfestige sich bei bestimmten Bevölkerungsgruppen.
Privatisierung und öffentliche Daseinsvorsorge: Ein zentrales Element neoliberaler Politik ist die Privatisierung vormals staatlicher Unternehmen oder Dienstleistungen – von Telekommunikation über Energieversorgung bis zu Bahn, Post und Wasserversorgung. Die Kritik daran lautet, dass dadurch oft öffentliche Interessen dem Profitstreben geopfert würden. Während Befürworter Effizienzgewinne anführen, zeigen negative Beispiele etwa höhere Preise oder schlechteren Service nach Privatisierungen. So stiegen mancherorts die Tarife für Wasser oder Strom deutlich, ohne dass die Versorgung zuverlässiger wurde. Im britischen Eisenbahnnetz führten die 1990er-Privatisierungen zu einem komplexen System privater Betreiber – mit anfänglich massiven Qualitätsproblemen und Sicherheitsmängeln, was Kritiker als Beleg für das Scheitern marktwirtschaftlicher Steuerung in einem natürlichen Monopol betrachten. Außerdem geht mit Privatisierungen oft ein Personalabbau einher, was die Arbeitsplatzsicherheit vieler Beschäftigten mindert. Neoliberale Politik, so der Vorwurf, behandele grundlegende Güter und Dienste – Gesundheit, Bildung, Transport, Wohnen – als Ware und nicht mehr als soziale Rechte, was zu Ausgrenzung derjenigen führen kann, die es sich nicht leisten können.
Deregulierung und Finanzkrisen: Die Deregulierung von Märkten, besonders der Finanzmärkte, wird im Nachhinein für erhebliche ökonomische Instabilitäten verantwortlich gemacht. Kritiker führen die großen Finanzkrisen – von der Savings-and-Loan-Krise in den USA der 1980er, über die Asienkrise 1997, bis zur globalen Bankenkrise 2007/08 – teilweise auf neoliberale Deregulierungsmaßnahmen zurück. In der Tat wurden in den USA und Europa zahlreiche Kontrollmechanismen abgebaut (z. B. Trennung von Investment- und Geschäftsbanken durch Aufhebung des Glass-Steagall Acts in den USA, laxere Eigenkapitalregeln für Banken usw.). Dies förderte spekulative Blasen, riskante Finanzprodukte und letztlich Zusammenbrüche, die Staaten mit teuren Rettungsaktionen auffangen mussten. Ironischerweise mussten Regierungen in der Krise dann massiv intervenieren – was zeigt, dass der Markt sich nicht selbst stabilisierte. Gegner des Neoliberalismus sehen hierin einen zentralen Widerspruch: Gewinne werden privatisiert, Verluste am Ende aber sozialisiert (sprich: von der Allgemeinheit getragen). Auch in anderen Bereichen hat Deregulierung teils negative Folgen gezeitigt – man denke an Umweltschäden, wenn Auflagen für Unternehmen gelockert wurden, oder an Arbeitsbedingungen, wenn Arbeitsschutzregelungen zugunsten von Flexibilität abgeschwächt wurden.
Austerität und Sozialabbau: Unter dem Schlagwort Austerität kritisieren viele die neoliberale Sparpolitik des Staates, insbesondere nach Wirtschaftskrisen. Der Glaube, dass strikte Haushaltskürzungen und Schuldenabbau Vorrang haben müssen, habe in Ländern wie Griechenland, Spanien oder auch in Teilen Lateinamerikas verheerende soziale Wirkungen gehabt. In der Eurokrise ab 2010 etwa wurden hochverschuldeten Ländern harte Sparprogramme auferlegt – Renten wurden gekürzt, Beamtengehälter gesenkt, Sozialausgaben zusammengestrichen. Dies trieb Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut, ohne die Wirtschaft schnell zu erholen. Der IWF selbst hat später eingestanden, die negativen Effekte dieser Sparauflagen unterschätzt zu haben. Kritiker monieren, neoliberale Politik opfere aus ideologischen Gründen soziale Belange dem Ziel eines ausgeglichenen Haushalts – selbst dann, wenn ökonomisch kurzfristige staatliche Unterstützung sinnvoller wäre, um eine Rezession abzufedern. Das Narrativ des Staat muss sparen wie ein Privathaushalt sei populär, aber in einer Krise kontraproduktiv. Zudem verstetige Austerität oft genau die Probleme, die sie lösen will: Schrumpft die Wirtschaft durch Ausgabenkürzungen, steigen Schuldenquoten relativ sogar an. Aus dieser Sicht war Austeritätspolitik ein Irrweg, der vor allem ärmere Bevölkerungsschichten traf und soziale Ungleichheit weiter verschärfte.
Machtverschiebung und Demokratie-Defizit: Ein häufig geäußerter Vorwurf lautet, der Neoliberalismus führe zu einer Machtverschiebung zugunsten großer Konzerne und der wirtschaftlichen Eliten – auf Kosten der Demokratie. Indem der Staat sich zurückziehe, entstehe ein politisches Vakuum, das von privaten Akteuren gefüllt werde. So gewinnen multinationale Unternehmen und Finanzinvestoren enormen Einfluss: Sie können etwa mit ihrer Kapitalmacht Regierungen unter Druck setzen (Stichwort: too big to fail-Banken oder Drohung mit Kapitalflucht). Noam Chomsky, einer der bekanntesten Kritiker, beschreibt den Neoliberalismus als Herrschaft der Konzerne unter dem Deckmantel von Freiheit – in seinen Worten bedeute diese propagierte Freiheit de facto die Unterordnung der Gesellschaft unter die Entscheidungen unkontrollierbarer privater Mächte. Auch internationale Freihandels- und Investitionsabkommen stehen in der Kritik: Durch Klauseln wie Investor-Staat-Schiedsverfahren könnten Konzerne staatliche Regulierung aushebeln, was die Souveränität demokratisch gewählter Parlamente einschränkt. Des Weiteren wird argumentiert, neoliberale Politik gehe oft mit einer Entpolitisierung einher: Wenn der Markt als alternativlos dargestellt wird, werden öffentliche Debatten über Wirtschaftsmodelle abgewürgt. Politische Gestaltungsspielräume engen sich ein, weil Regierungen angeblich nur noch den Sachzwängen der Globalisierung folgen können. Einige Kritiker – etwa die Politologin Wendy Brown – warnen, der neoliberale Zeitgeist habe marktwirtschaftliche Logik so sehr verallgemeinert, dass er alle Lebensbereiche durchdringt und demokratische Werte untergräbt. Bürger würden primär zu Konsumenten degradiert, und soziale Solidarität werde durch Konkurrenzdenken ersetzt.
Weitere Kritikpunkte: Je nach Perspektive gibt es noch weitere Einwände. Aus ökologischer Sicht heißt es, neoliberale Politik begünstige Umweltzerstörung – weil deregulierter Wettbewerb Firmen erlaube, Kosten abzuwälzen (z. B. Verschmutzung), und weil Privatisierung natürlicher Ressourcen oft Raubbau fördere. Kulturkritiker monieren eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche: Bildung, Gesundheit, selbst persönliche Beziehungen würden dem Diktat von Effizienz und Profit unterworfen. Postkoloniale Denker wiederum sehen im Neoliberalismus ein westliches Projekt, das den globalen Süden in Abhängigkeiten hält (durch IWF-Auflagen, globale Konzerne etc.). Und nicht zuletzt kommt innerhalb des liberalen Spektrums Kritik: Libertäre etwa finden, heutige neoliberale Politik sei inkonsequent, weil sie zwar dereguliert, aber Konzerne durch Lobbyismus Sondervorteile erlangen – also kein wirklich freier Markt entsteht, sondern Vetternwirtschaft. Traditionsbewusste Konservative bemängeln wiederum, der Neoliberalismus zerstöre gewachsene Gemeinschaften und Werte durch seinen Hyperindividualismus und die ständigen Marktumbrüche.
Wie berechtigt ist die Kritik? Eine differenzierte Betrachtung
Zusammengefasst sieht die Kritik im Neoliberalismus eine zunehmende Konzentration von Macht und Wohlstand in den Händen weniger sowie die Aushöhlung demokratischer Prozesse. Wie berechtigt sind diese Vorwürfe? Eine differenzierte Betrachtung zeigt, dass einige Kritikpunkte stichhaltig sind, während andere pauschal überzeichnen.
Zunächst ist unbestreitbar, dass einige Ergebnisse neoliberaler Politik problematisch waren. So trug die radikale Deregulierung der Finanzmärkte mit zur globalen Finanzkrise 2007/08 bei – hier räumen sogar einst neoliberale Institutionen Versäumnisse ein. Ebenso hat die forcierte Privatisierung öffentlicher Dienste in manchen Fällen zu Qualitätsmängeln geführt, wie etwa im britischen Eisenbahnwesen. Auch die Kritik an sozialer Ungleichheit ist nicht von der Hand zu weisen: Empirisch haben sich Vermögens- und Einkommensunterschiede in vielen Ländern verstärkt. Schließlich weisen Kritiker zurecht darauf hin, dass ein ungezügelter Markt nicht automatisch für fairen Ausgleich sorgt – staatliche Korrekturen können nötig sein.
Allerdings muss man die Entwicklungen im Kontext sehen. Nicht jede negative Begleiterscheinung neoliberaler Reformen resultierte allein aus der Marktpolitik – oft spielten auch andere Faktoren eine Rolle. Zudem stellt sich die Frage, ob ein alternatives Wirtschaftsmodell bessere Ergebnisse geliefert hätte. Viele neoliberale Reformen reagierten auf reale Probleme (z. B. Staatsverschuldung, ineffiziente Staatsbetriebe) und erzielten durchaus Erfolge, etwa sinkende Inflationsraten und Wirtschaftswachstum in den 1990ern. Die reine Marktorientierung mag Überschüsse und Ungleichgewichte begünstigen, doch Befürworter argumentieren, kluge Politik könne diese abfedern, ohne den Vorteil des dynamischen Marktes aufzugeben.
Schließlich bleibt festzuhalten, dass der Begriff Neoliberalismus selbst umkämpft ist. Er dient häufig als Schlagwort, um komplexe Entwicklungen zu kritisieren, wird aber selten positiv propagiert. Tatsächlich gibt es keine organisierte Bewegung, die sich selbst als neoliberalismus bezeichnet – im Gegensatz etwa zum Sozialismus oder Konservatismus. Der Begriff wird hauptsächlich von Kritikern verwendet und umfasst dabei eine Vielzahl von Aspekten. Das erschwert eine faire Bewertung: Nicht jede Politikmaßnahme, die als neoliberal bezeichnet wird, ist per se schlecht oder gut; vieles hängt von der konkreten Ausgestaltung ab.
Insgesamt zeigt die Debatte, dass der Neoliberalismus einer ständigen Neubewertung unterliegt. Während einige Errungenschaften – wie die Globalisierung oder die Flexibilisierung der Märkte – unbestreitbare Vorteile brachten, haben die exzessive Deregulierung und Sparpolitik auch Schattenseiten offenbart. Die ideale Balance zu finden, bleibt eine Herausforderung für die Politik: Einerseits die Effizienz und Innovationskraft der Märkte zu bewahren, ohne die Korrekturen zu vernachlässigen, die sozialen Ausgleich und nachhaltige Entwicklung erfordern. In diesem Sinne bietet die Geschichte des Neoliberalismus sowohl Inspiration als auch Mahnung – und sie hilft uns zu verstehen, warum unsere Gegenwart so ist, wie sie ist.
